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Was ich von Eugène Atget gelernt habe
Jean Eugène Auguste Atget (* 12. Februar 1857; † 4. August 1927)

Was ich von Eugène Atget gelernt habe

Jean Eugène Atget wurde am 12. Februar 1857 als Sohn einer Familie von Stellmachern in Libourne geboren. Er verlor in jungen Jahren seine Eltern und wuchs bei seinen Großeltern auf.

Eugène Atget

Durch seinen Kontakt zu den Malern von Montparnasse erfuhr Atget, dass diese ausgiebigen Gebrauch von Fotografien machten, sei es zu dokumentarischen Zwecken, sei es als Gedächtnisstütze. Daher beschloss Eugène, Fotograf zu werden und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Bei Tagesanbruch war Atget auf den Beinen, um das transparente Morgenlicht auszunutzen und den Straßenverkehr zu vermeiden, seine hohe, gebeugt Gestalt krümmte sich unter Last der mitgeführten Ausrüstung noch weiter: eine sperrige 18 x 24 Großformatkamera, ausgestattet mit Aplanat-Objektiv mit wahrscheinlich kurzer Brennweite (der verzerrte Vordergrund und die unvollständige Plattenabdeckung mancher Aufnahmen sprechen für eine solche Vermutung), ein schweres Holzstativ, zwei oder drei Kästen Glasplatten, einige weitere Utensilien – ein Minimum von 15 kg, die täglich über eine kilometerlange Strecke zu transportieren warn! Normalerweise kehrte Atget am frühen Nachmittag nach Hause zurück, wo er dann begann, seine licht-bildnerische Tages-ausbeute zu entwickeln.

Abzüge der entwickelten Platten machte er bei Tageslicht auf Rahmen, die er auf seinem Balkon in der fünften Etage aufstellte. Mit dem goldgetonten Zitratpapier, das  er verwendete, erhielt seinen Bildern ihren charakteristischen bräunlich-roten Ton. Diese Arbeitsmethode führte zu Bildern, die er nicht beschneiden musste, Bilder von bemerkenswerter Präzision, „wahre“ Bilder. Dieses Vorgehen war umso bedeutsamer, als es sich von den seinerzeit in der Fotografie vorherrschenden Strömungen radikal unterschied. Höchstwahrscheinlich kannte Eugène diese Strömung überhaupt nicht, was umso mehr die innovative Seite dieses Mannes unterstreicht, der intuitiv begriffen haben muss, worin das wahre Wesen des Mediums Fotografie bestand.  Mit einer Technik des 19. War Eugène bereits ein Fotograf des 20. Jahrhunderts.

Unbeeinflusst künstlerischer-, bildgestalterischer- und technischer Kontroversen seiner Zeit, von denen er wahrscheinlich nichts mitbekommen hatte, ergriff Atget als Einzelgänger ganz allein Partei für die Wahrheit. Wie für Stieglitz wurde sie auch für ihn sofort zu einer Obsession. Gitter, Brunnen, Skulpturen bildete er ebenso objektiv und in Frontalansicht ab wie Auslagen, Schaufenster, kleine Leute, ambulante Händler und Bordelle. Blumenzeilen, Ladenzeilen interessierten ihn genauso wie bürgerliche Einrichtungen oder die armselige Behausungen von Lumpensammlern.

Atgets schwer beladene Gestalt streifte unermüdlich durch die Straßen von Paris. Sein Wunsch nach Entdeckung führte ihn oft weit aus der Stadt hinaus: bis nach Saint-Cloud, Boulogne, Versailles, Viarmes, Goussainville, Sarcelles. Und die unterschiedlichen Motive wurden immer „naiv“ eingefangen, mit Zurückhaltung, mit einem tiefen Respekt für den fotografierten Gegenstand, in einer vielleicht unbewussten Übereinstimmung, die aber doch real genug ist, um selbst heute noch in diesen nostalgischen, bescheidenen Bildern sichtbar zu werden. Eine echte Poesiekristallisierte sich hier heraus, eine andere Vision, die mit dem Fotografen verschwinden, einige Jahrzehnte später aber aus einer Aschewieder auferstehen sollte. In diesem Sinne ist Atget, wie Walker Evans, wie Alfred Stieglitz – einer der Väter der gesamten zeitgenössischen Fotografie.

Die unbewusste Kunst, die roh und ungeschliffen aus dem Herzen eines verschlossenen, eigensinnigen Mannes hervorsprudelt, gestattete sie es ihm, sich der Tyrannei des Alltags  zu behaupten? Leider muss man daran zweifeln. Auf seinen Streifzügen fotografierte er gelegentlich zwar auch im Auftrag von Geschäften, er machte einige Portraits von Ladenbesitzern, doch den Großteil seiner Einnahmen verdankte er den Malern aus seinem Freundeskreis.

Im Übrigen hatte Eugène am 1899 damit begonnen, thematisch zusammengestellte Fotoalben mit so bezeichneten Titeln wie „Paris pittoresque, L´Art dans le vieux Paris, Topographiedu vieux paris, Paysages-Documents“ an verschiedene Institutionen zu verkaufen, etwa an die „Bibliothéque national de France“, das Musèe Carnavalet, die Bibliothèque des Arts dècoratifes oder die Bibliothèque historique da la Ville de Paris.

Mit einer Hartnäckigkeit, die uns heute Bewunderung abnötigt, verstand es Atget, die Zahl seiner Negative zu vervielfachen, indem er seinen Gegenstand immer wieder umkreiste, um ihn auch wirklich aus allen Blickwinkeln zu erfassen, aus Angst irgendein bedeutsames Detail könnte ihm entgehen. In dieser Hinsicht muss man sich vor einem heute sehr verbreiteten Fehler hüten und darf nicht alles mystifizieren, was aus der Vergangenheit kommt. Unter den Bildern, die Eugène hinterlassen hat, gibt es eine ganze Reihe, die lediglich dokumentarischen Wert besitzen.

 

Unbestreitbar zeigt sich Atgets Talent sehr viel natürlicher in den Aufnahmen, die er aus reinem Vergnügen machte. Und die sind in genügend großer Anzahl vorhanden, sodass wir uns nicht unnötigerweise blenden lassen müssen. Man kann heute nicht ohne weiteres behaupten dass sich Atget der künstlerischen Qualitäten seines Werks und seines Talents bewusst gewesen wäre. Fest steht dagegen, dass er hinsichtlich seiner Arbeit eine ganze Reihe ziemlich präziser Vorstellungen hatte: Die bereits zitierten Briefe an Paul Léon beweisen, dass er bei der Strukturierung seines Werks sehr methodisch und überlegt vorging. Als atypischer, einzelgängerischer Lichtbildner schuf Eugène Atget Tag für Tag ein Werk, dessen zukünftige Bedeutung ihm verborgen blieb, das aber heute zu einer eindeutigen Referenz geworden ist. Er folgte seiner ganz persönlichen Methode, die Jean-Claude Lemagny definierte als „einen Stil, der Stil ablehnte und reine Kreation war.

Quelle: © 2016 TASCHEN GmbH, Hohenzollernring 53, D-50672 Köln, www.taschen.com (ISBN: 978-3-8365-2230-4)